Von der Erlösung

 

Ein Musiker ist in der Regel kein Toningenieur, auch ich bin keiner. Dass sich Musiker ĂŒberhaupt mit technischen Fragen der Audioproduktion auseinandersetzen, hĂ€ngt eng mit der Digitalisierung der Produktionsprozesse zusammen. Der Einzug von Computern ermöglichte Musikern z.B. auf den Einsatz von Kassettenrecordern zu verzichten, auch ohne Label und Tonstudio zumindest anhörbare Demos zu erstellen, die einen ersten Eindruck der musikalischen Arbeit vermitteln konnten. Doch die Aufgabe, Audios zu erstellen, die man ruhigen Gewissens weiterreichen kann, löst im Internet immer wieder heiße Diskussionen aus. Es gibt durchaus Spezialsoftware, abseits einer zum Standardwerkzeug gewordenen Digital Audio Workstation (DAW), aber die ist nicht nur teuer, sondern auch in der Bedienung nicht einfach. FĂŒr Musiker, die keine Ingenieure sind, lohnt sich eine Anschaffung in der Regel nicht. Doch die nicht untypische Frage, wie man produzierte TrĂŒmmer retten kann, verfolgt eher einen unsachgemĂ€ĂŸen Ansatz. ZunĂ€chst könnte die Eignung von Instrumenten und AufnahmegerĂ€ten im Zentrum stehen. Wer bereits in dieser Hinsicht passen muss, brĂ€uchte sich ĂŒber ‚Rettungen‘ von Audios keine Sorgen zu machen. Sie stĂ€nden gar nicht bereit.

Anstatt mir ĂŒber einen audiophilen LĂ€rm Gedanken zu machen, interessierte mich das Reduzieren eines leisen Hum-Pegels, der bei Aufnahmen auch mit geeigneten GerĂ€tschaften entstehen kann. Normalerweise reicht es, den musik- oder sprachlosen Anfang eines Mixes zu stillen, und sei es in einem einfachen Audioeditor wie Audacity. Der leise Hum-Pegel, der wĂ€hrend eines Abspielens bleibt, geht in der Regel völlig unter. In manchen FĂ€llen, falls sehr, sehr leise Passagen enthalten sind und filigrane Stimmen zur Geltung kommen, bedarf es möglicherweise zusĂ€tzlicher Maßnahmen. Dies ist mir bei den Aufnahmen meiner ◊ Kunstlieder geschehen.

Eine DAW wie Reaper hat ein Tool (PlugIn) zu bieten, das fĂŒr eine relativ einfache Rauschentfernung nutzbar ist: ReaFIR. Die kleine Software sieht viel komplexer als der vergleichbare ‚Effekt‘ in Audacity aus. Nach einer Profilmessung ist es möglich, sich den Frequenzverlauf des Rauschens anzuschauen. Die Vorgehensweise bei der Entfernung ist jedoch Ă€hnlich. Die höhere KomplexitĂ€t des Tools erfordert allerdings mehr Einstellungen: unter Mode, um eine Rauschreduzierung zu ermöglichen, ist z.B. ‚Subtract‘ zu wĂ€hlen, unter Edit Mode ‚Precise‘. Und anhand des Profils wird das Rauschen nicht auf Mausklick herausgerechnet, sondern ist ein Preset abzuspeicht, das geladen sein muss, um beim Abspielen und Rendern filternd wirksam werden zu können. Online gibt es zahlreiche Videos, die grundlegende Vorgehensweisen praktisch erlĂ€utern, wenn auch primĂ€r mit drastischen Beispielen, die ich nicht als Rauschentfernung, sondern als LĂ€rmminderung fassen wĂŒrde, unter anderem von ◊ KennyMania. Der FFT Size muss meinen Tests nach aber nicht reduziert werden. Und da fĂŒr eine Profilerstellung relevante Spur- bzw. StemanfĂ€nge nicht selten kurz sind, kaum lĂ€nger als einen Takt umfassen, sich eventuell als zu kurz erweisen, lĂ€sst sich zur Erstellung eines Presets in ReaFIR auch die Repeat-Funktion der DAW fĂŒr einen markierten Bereich nutzen.

Der Vorteil einer Arbeit innerhalb von Reaper ist, dass sich die Bit- und Abtastrate nicht Ă€ndert. Üblich geworden sind Aufnahmen mit 24 Bit und bis zu 96 kHz. Audacity kann Audios mit mehr als 16-Bit nicht erstellen und exportieren, aber durchaus laden. Die internen Prozesse erfolgen mit bis zu 32 Bit Fließkommaberechnungen bei 44,1 kHz. Doch die Rauschentfernung ist bei relevanten Mix-Resultaten unregelmĂ€ĂŸig, vollkommen unzureichend. Aber auch ReaFIR zeigte mir Grenzen. Eine simple Integration in das Mix-Resultat, in den sogenannten Master, in dem alle Spuren zusammengefĂŒhrt werden, beantwortete mir Reaper mit einem Pfeifen und Tröten. Die Belastung war eventuell zu groß. Erst eine Positionierung von Instanzen auf jeder einzelnen Spur / jedem einzelnen Stem brachte das von mir gewĂŒnschte Ergebnis. Eine erlösende Hum-Stille!

Speziell fĂŒr ◊ amazona.de ist ein detaillierterer Bericht entstanden.

Helge Nov. 2015